Zur
Person
Der gebürtige Füssener Uli Hiemer gilt als eine der Leitfiguren im
deutschen Eishockey und wurde Ende 1993 zum Kapitän der Nationalmannschaft
gewählt. Hiemer war 1984 der erste deutsche Eishockeycrack, der den
Sprung in die nordamerikanische Profiliga NHL wagte. 1987 kehrte der
1,87 m große und 90 kg schwere Verteidiger in die Bundesliga zurück,
wo er mit der Düsseldorfer EG ab 1990 vier Meistertitel in Folge holte.
Die Zeit in der härtesten Liga der Welt bewertet Hiemer ausschließlich
positiv, bezeichnet sie als prägendes Ereignis seiner Karriere: ”Die
drei Jahre in den Staaten haben mich menschlich und sportlich ein
großes Stück weitergebracht. Diese völlig andere Mentalität der Menschen
dort.”
Hiemer, der in Füssen eine Lehre als Maschinenschlosser absolvierte,
ist nicht der einzige Eishockeyprofi in der Familie: Bruder Jörg,
drei Jahre jünger, war sein Weggefährte beim EV Füssen und beim KEC,
beendete aber im Frühjahr 1991 seine Laufbahn und wurde später Präsident
der Spielergewerkschaft. Im Juni heiratete der eisenharte Verteidiger
in New York seine langjährige Freundin Karin, eine Krankengymnastin.
Das Paar besitzt noch ein Haus in New Jersey - für den Eishockeycrack
eine ideale Kapitalanlage. Als Ausgleichssport betreibt Hiemer am
liebsten Golf.
Sportliche Laufbahn
Bis zu seinem elften Lebensjahr war Uli Hiemer als Eishockeyspieler
und Skifahrer aktiv, orientierte sich dabei auf dem Eis stets an
seinem Bruder Jörg. Mit Ehrgeiz und Fleiß schaffte er den Sprung
in die erste Mannschaft des EV Füssen, bei dem er bis 1981 spielte.
Dann wechselten die Hiemer-Brüder im Paket für 250.000 DM zum Kölner
EC. Dort avancierte der Verteidiger ebenso wie in der Nationalmannschaft
zum Leistungsträger, bestritt inklusive der Olympischen Winterspiele
1984 in Sarajevo 72 Länderspiele als Akteur der ”Haie”. Mit dem
Gewinn des deutschen Meistertitels verabschiedete er sich 1984 vom
Rhein und unterschrieb im September jenes Jahres zunächst einen
Einjahres-Vertrag bei den New Jersey Devils. Dort sicherte er sich
auf Anhieb einen Stammplatz, kam 1984/85 in 53 von 80 NHL-Spielen
zum Einsatz und verzeichnete dabei 30 Skorerpunkte.
Bedingt durch das
frühe Ausscheiden der ”Devils” in der Meisterschaft spielte Hiemer
1985 bei der WM in Prag, wo sich ihm die großen Unterschiede zwischen
dem deutschen und dem nordamerikanischen Eishockey deutlicher denn
je offenbarten. Der Verteidiger geizte nicht mit Kritik an den DEB-Funktionären
(”vom Eishockey haben sie kaum eine Ahnung, sie sind Laien”).
Zurück in New Jersey verspürte Hiemer in der Saison 1985/86 die
rauhen Sitten in der NHL und wurde ins Farmteam zu den Maine Mariners
”versetzt”. Er kehrte jedoch zurück und entwickelte sich zum Powerplay-Spezialisten,
den bis 1987 befristeten Vertrag in New Jersey verlängerte er allerdings
nicht. ”Hätte ich meinen Vertrag verlängert, wäre ich für immer
in den Staaten geblieben. Bei dem harten Konkurrenzkampf in der
NHL hätte ich aber nur noch drei, vier Jahre spielen können. In
Deutschland kann ich bestimmt noch zehn Jahre in der Bundesliga
mithalten”, lauteten seine Argumente ”pro Deutschland”.
Hiemer wechselte zur Düsseldorfer EG und hatte nur ein Ziel im Visier:
”Ich will mit der DEG Deutscher Meister werden.” Der Neuanfang war
jedoch schwer: Der Ex-Füssener hatte Schwierigkeiten, sich auf die
Bundesliga-Spielweise umzustellen, und verpaßte die Olympia-Teilnahme
1988. Zudem gab es Transferschwierigkeiten mit dem Kölner EC, der
Hiemer nach der NHL-Rückkehr für sich beanspruchte und 400.000 DM
Ablöse forderte. Erst ein Vergleich sorgte für Frieden mit dem Erzrivalen.
In der Spielzeit 1988/89 entwickelte sich Hiemer zum Leistungsträger
bei der DEG, die sich bis ins Play-off-Finale vorkämpfte und dort
dem SB Rosenheim unterlag. Mit 51 Skorerpunkten empfahl sich der
”Blueliner” wieder für das Nationalteam und erzielte bei der WM
in Schweden den 3:3-Ausgleich gegen die Gastgeber. ”Auf jeden Fall
der spektakulärste Verteidiger bei dieser WM”, lobte ihn das eishockey
Magazin.
Der Erfolg blieb dem früheren NHL-Profi auch in den folgenden Spielzeiten
treu: Der stark aufgerüsteten DEG (”Didi” Hegen und Gerd Truntschka
kamen zur Brehmstraße) glückte 1990 die Finalrevanche gegen Rosenheim.
Bei der WM versagte Hiemer dagegen: Es wurden ihm eine zu phlegmatische
Spielweise und leichtsinnige Pässe mit fatalen Folgen attestiert.
1991 wiederholte die DEG, diesmal gegen den Kölner EC, den Meisterschaftstriumph
- der Verteidiger verbuchte mit 64 Skorerpunkten seine persönliche
Bestmarke. Bei seiner zweiten Olympiateilnahme kam Hiemer dagegen
1992 nicht über die Mitläuferrolle hinaus, durfte aber im Vereinsdress
den Titel-Hattrick (gegen den SB Rosenheim) feiern. Bei der 92er
WM in Prag - die Deutschen schieden im Viertelfinale gegen die Schweiz
aus - machte der Mann mit dem harten Schuß vor allem als Rauhbein
(26 Strafminuten) von sich reden. ”Natürlich muß ich als Verteidiger
gelegentlich hart zupacken. Aber das sind keine bösen Fouls. So
etwas sollte nach dem Spiel rasch vergessen sein”, kommentierte
er seine harte Gangart.
Einem weiteren deutschen Meistertitel folgte im Frühjahr 1993 die
Weltmeisterschaft im eigenen Land - dort spielte Hiemer, obwohl
von einer Mammutsaison erschöpft, ein ”ordentliches Turnier” (Sport-Kurier).
Am Jahresende wurde er zum Nachfolger von Gerd Truntschka als Nationalmannschafts-Kapitän
bestimmt (”ich spüre die Verantwortung und ein bißchen Stolz macht
es mich auch”). Sein erster wichtiger Auftritt in der neuen Rolle
endete tragisch: Bei den Olympischen Spielen zog sich Hiemer im
Viertelfinalspiel gegen Schweden eine Schulter-Luxation zu - damit
war die Saison für ihn gelaufen. ”Meine Verletzung bei Olympia wäre
nicht passiert, wenn ich hundertprozentig fit gewesen wäre”, übte
er Kritik an der Hetzjagd von Spiel zu Spiel, der die Nationalspieler
ausgesetzt sind.
Quelle:
© Munzinger-Archiv GmbH 1999 |